Ein Jahr im Amt: Potsdams Oberbürgermeisterin Noosha Aubel im Interview: „Die fetten Jahre sind vorbei“
Wie blickt Noosha Aubel auf ihr erstes Jahr als Potsdamer Oberbürgermeisterin zurück? Im Gespräch mit Radio-Potsdam-Moderatorin Jule Sönnichsen zieht sie Bilanz und spricht über die schwierige Haushaltslage, bezahlbaren Wohnraum und ihre Ziele für das kommende Amtsjahr.
Aubel macht deutlich: Die Stadt muss sparen. Gleichzeitig sollen der soziale Zusammenhalt und die Schaffung bezahlbaren Wohnraums im Blick bleiben. Auch Krampnitz, das Klinikum Ernst von Bergmann und die Zusammenarbeit zwischen Politik und Verwaltung sind Themen des Gesprächs.
Transkript (mit Unterstützung durch KI)
Das Interview vom 12. Oktober 2026 zum Nachlesen
Jule Sönnichsen: Frau Aubel, vor ziemlich genau einem Jahr, kurz bevor Sie Ihr Amt als Potsdamer Oberbürgermeisterin angetreten haben, haben Sie in einem Interview mit der Deutschen Presseagentur einen bemerkenswerten Satz gesagt. Die Zeit hat damals sogar eine Überschrift rausgemacht. „Geduld ist nicht meine Kernkompetenz.“ Jetzt liegt fast ein Jahr Rathaus hinter Ihnen und wir wissen alle Politik und Verwaltung, das sind nicht unbedingt die Orte, an denen alles besonders schnell geht. Deshalb meine erste Frage an Sie: Sind Sie in diesem Jahr geduldiger geworden oder ist Ihre Ungeduld eher noch gewachsen?
Noosha Aubel: Das ist eine schöne Frage. Ich würde sagen, Geduld ist nach wie vor mein Lernfeld. Ich habe an bestimmten Stellen gemerkt, da muss ich geduldiger werden. Da hilft es nicht, wenn ich gleichzeitig drücke und ziehe und schiebe. Aber grundsätzlich ist es Teil meines Naturells und ich glaube, das ist auch richtig so, weil ich möchte möglichst schnell positive Veränderungen erzeugen.
Jule Sönnichsen: Wenn Sie jetzt auf die vergangenen zwölf Monate schauen, was ist Ihnen besser gelungen, als Sie es erwartet hätten?
Noosha Aubel: Besser gelungen ist mir tatsächlich die Zusammenarbeit der unterschiedlichsten Fraktionen. Ich habe ja als Parteilose einen anderen Status, als man das aus der Vergangenheit kennt. Und wir haben beispielsweise den aktuellen Haushalt mit einer nie dargewesenen Mehrheit beschlossen und auch das überwältigende Gros der Verwaltungsvorlagen sind beschlossen worden. Also, dass das System tatsächlich der wechselnden Mehrheiten so gut funktioniert, das hat mich positiv überrascht.
Jule Sönnichsen: Und dann müssen wir natürlich auch fragen: Wo müssen Sie sagen: „Da habe ich mir deutlich mehr vorgenommen“?
Noosha Aubel: Also, ich würde natürlich gerne im Thema bezahlbarer Wohnraum noch stärker, noch deutlicher machen können. „Wir haben schon XYZ neue Wohnungen geschaffen.“ Das ist nicht gelungen, weil wir zum einen einfach wahnsinnig lange Vorlaufzeiten haben, wenn es um das Thema Neubau geht. Wir gehen jetzt mit der Wohnraumagentur an den Start und wollen dann 200 Fälle pro Jahr schaffen, damit wir auch wirklich abrechenbar dokumentieren können, ob wir da Wirkung erzeugen. Da würde ich mir wünschen, dass ich schon konkrete Antworten hätte für die Menschen, die sich ja nahezu täglich bei mir melden und sagen, „Ich brauche bezahlbaren Wohnraum.“
Haushalt: „Die fetten Jahre sind vorbei“
Jule Sönnichsen: Wir kommen zum Thema Haushalt. Was Ihnen durchaus schon vor Ihrer Wahl klar gewesen sein dürfte, der Potsdamer Haushalt steuert auf eine, sagen wir, prekäre Lage zu. Das geht aber natürlich nicht nur Potsdam so. Mit massiven Defiziten kämpfen auch andere Kommunen. Muss man den Menschen nicht einfach mal ehrlich sagen, die fetten Jahre sind vorbei?
Noosha Aubel: Also aktuell ist es auf jeden Fall zutreffend. Die fetten Jahre sind vorbei. Wir haben ein massives Defizit. Wir müssen in größerem Umfang konsolidieren, also auf der einen Seite einsparen, aber gegebenenfalls auch unsere Einnahmen erhöhen. Und wir brauchen zwingend eine andere, eine bessere und auskömmlichere Finanzierung von Bund und Land. Weil hier bei uns vor Ort wird eben deutlich, ob der Staat funktioniert oder nicht. Und dafür brauchen wir Mittel, um eben auch Lebensqualität zu erhalten.
Jule Sönnichsen: Für das vierte Quartal gilt in Potsdam eine Haushaltssperre. Zur Diskussion stehen unter anderem der öffentliche Nahverkehr, längere Kita-Betreuungszeiten, Verwaltungsaufgaben. Sie haben auch schon angedeutet, dass das für die Potsdamer schmerzlich werden kann. Wie schmerzlich konkret? Worauf müssen sich die Menschen einstellen?
Noosha Aubel: Ich kann noch nicht benennen, wie schmerzlich konkret es werden wird. Da wir da gerade aktuell in einem Prozess sind, wo wir uns anschauen, was wollen wir in jedem Fall erhalten? Und von welchen Standards müssen wir uns, weil eben nicht genug Geld da ist, trennen? Und das werden wir jetzt gerade gemeinsam mit der Politik besprechen. Und auf dieser Basis werden dann Entscheidungen getroffen. Das Beispiel ÖPNV oder Kita, das waren Beispiele, um zu illustrieren, in welche Bereiche Einsparungen, in welchen Bereichen Einsparungen erfolgen könnten.
Jule Sönnichsen: Wo würden Sie sagen, hier wird nicht gespart, auch wenn die Kassen noch so leer sind?
Noosha Aubel: Also, was ganz wichtig ist, ist der soziale Zusammenhalt. Dass wirklich deutlich wird, dass insbesondere die Menschen, die nicht die entsprechenden Ressourcen haben, weiterhin Rahmenbedingungen finden, die ihnen ermöglichen, an unserem Leben teilzuhaben. Das ist, finde ich, ein wichtiger Aspekt. Und ich würde natürlich nicht sparen bei dem Top-Thema, was ich vorhin schon benannt habe: Was ermöglicht uns, schneller bezahlbaren Wohnraum in dieser Stadt herzustellen?
Jule Sönnichsen: Sie haben es gerade schon ein bisschen angedeutet, aber ich würde trotzdem gerne noch mal nachfragen. Wie erklären Sie eigentlich den Menschen, dass eine wachsende und wirtschaftlich durchaus starke Stadt wie Potsdam solche finanziellen Probleme hat?
Noosha Aubel: Also, zwei Parameter sind ganz entscheidend. Das sind zum einen die sehr stark gestiegenen Sozialausgaben, die sogenannten Transferleistungen. Da haben wir in den letzten Jahren Prozentsteigerungen in dreistelliger Höhe und die Personalkosten in einer Verwaltung. Neue Tarifabschlüsse, das kommt auch dazu. Das sind Dinge, die wir wenig steuern können. Und das sogenannte Konnexitätsprinzip, also wer die Musik bestellt, bezahlt. Da stellen wir immer wieder fest, wir bekommen permanent neue Aufgaben, insbesondere vom Bund. Die sind dann aber nicht ausfinanziert. Und das alles führt dann im Ergebnis dazu, dass wir eben in einer sehr schwierigen finanziellen Situation sind.
Jule Sönnichsen: Wie gut kann eine Oberbürgermeisterin überhaupt noch gestalten, wenn man eigentlich das Gefühl hat, man verwaltet nur noch den Mangel?
Noosha Aubel: Ja, also gestalten über Geld ist schwierig. Ich würde fast sagen, ist im Moment aus. Das sage ich auch in allen Gesprächen, die ich mit Trägern zum Beispiel führe, die sagen, wir bräuchten eigentlich für das Thema Alleinerziehende mehr Geld. Da kann ich im Moment nur sagen, mehr Geld wird es nicht geben. Was wir auf jeden Fall machen wollen, ist, wir wollen stärker daten- und wirkungsgestützt arbeiten. Also, dass wir aufzeigen können: Entfaltet das Geld an den Stellen, wo wir es einsetzen, richtige Wirkung? Und dann kann man gegebenenfalls über Verschiebung andere Dinge ermöglichen. Und ich kann natürlich über Aufmerksamkeit, das ist ja auch eine Form von Währung, Themen nochmal deutlicher in den Fokus stellen.
Krampnitz, Klinikum und bezahlbarer Wohnraum
Jule Sönnichsen: Beim Klinikum Ernst von Bergmann und rund um den neuen Stadtteil Krampnitz stehen unerwartete erhebliche finanzielle und planerische Herausforderungen im Raum. Muss Potsdam angesichts der Haushaltslage bei seinen großen Zukunftsplänen inzwischen deutlich kleinere Brötchen backen?
Noosha Aubel: Also Krampnitz ist für mich das absolute Zukunftsprojekt. Das zahlt auch massiv auf das Thema bezahlbarer Wohnraum ein. Wir wollen ja da ein Quartier schaffen mit insgesamt bis zu 10.000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Wir haben es erfreulicherweise geschafft, dort zuerst die Infrastruktur hinzubringen. Schule läuft ja schon und ich bin mir sicher, wir werden es auch mit der Unterstützung des Landes hinbekommen, dass wir dort ein lebenswertes Quartier etablieren. Gesundheitsvorsorge ist Aufgabe des Landes, aber wir haben ein klares Bekenntnis zu unserem kommunalen Klinikum. Wir wollen hier gute wohnortnahe Gesundheitsversorgung. Man wird aber jetzt genau austarieren müssen: Was kann man sich in diesem Kontext noch leisten und was eben nicht mehr?
Jule Sönnichsen: Sie sind vor Ihrer Wahl mit dem Versprechen angetreten, beim Thema Wohnen schnell was zu ändern. Ein bisschen was haben Sie gerade schon gesagt. Was würden Sie sagen, ist nach einem Jahr für Wohnungssuchende schon besser geworden?
Noosha Aubel: Konkret für Wohnungssuchende ist aktuell noch nichts besser geworden. Das muss man so deutlich sagen. Wir haben Baustandards abgesenkt per politischer Beschlusslage. Wir haben die Mietenpreisbremse bei der ProPotsdam weiter vorfristig verlängert. Wir haben die Milieuschutzsatzungen ausgeweitet auf weitere Quartiere in unserer Stadt. Wir haben mit der Wohnraumagentur gestartet. Aber das sind alles Dinge, die auf eine mittelfristige Zukunft einzahlen und dem aktuell Suchenden nicht unmittelbar helfen. Das muss ich so unumwunden einräumen.
Jule Sönnichsen: Sie sind auch gewählt worden, weil sich viele Potsdamerinnen und Potsdamer einen neuen Politikstil gewünscht haben. Sie haben eine offene und bürgernahe Verwaltung versprochen. Würden Sie sagen, das ist Ihnen gelungen?
Noosha Aubel: Ich glaube, wir sind da auf einem guten Weg. Ich bekomme mittlerweile auch viele E-Mails von Menschen, die mir zurückmelden, dass sie gute Erfahrungen mit uns gemacht haben. Dass sie das Erlebnis hatten, dass ihre Bedarfe erkannt worden sind, dass sie hier freundlich und zuvorkommend behandelt worden sind. Wir haben da sicherlich noch Potenzial. Ich bin ja angetreten mit dem Thema Ermöglichung und Dienstleistungskultur. Das stelle ich an vielen Stellen fest, dass uns das gelingt. Aber da ist auch noch Luft nach oben.
Zusammenarbeit und Wechsel an der Verwaltungsspitze
Jule Sönnichsen: Sie stehen ja nicht nur vor großen finanziellen Herausforderungen, sondern durchaus auch vor erheblichen personellen Umbrüchen an der Spitze ihrer Verwaltung. Mehrere Beigeordnete wie Frau Meier oder Herr Exner werden aus Altersgründen ausscheiden. Bei Herrn Rubelt ist die politische Zukunft noch etwas ungewiss. Wie verhindern Sie angesichts der vielen Herausforderungen in Potsdam, dass das Rathaus über Monate vor allem mit sich selbst beschäftigt ist?
Noosha Aubel: Wir haben den Prozess zur Nachbesetzung der beiden benannten Beigeordneten bereits eingeleitet. Unsere Zielsetzung ist, dass das möglichst nahtlos erfolgt, also der Austritt und der neue Einstieg. Und wir haben sehr, sehr gute Fachbereichsleitungen, also die Ebene direkt unter den Beigeordneten. Ich bin mir sehr sicher, dass das gut gelingt und wir uns explizit nicht nur mit uns selbst beschäftigen.
Jule Sönnichsen: Wie viel Einfluss hat eigentlich eine Oberbürgermeisterin bei der Auswahl neuer Beigeordneter? Schließlich entscheiden ja am Ende die Stadtverordneten.
Noosha Aubel: Ja, am Ende entscheiden die Stadtverordneten, aber ich glaube uns eint, dass wir das Beste für diese Stadt wollen. Und das ist idealerweise Erfahrung in einer vergleichbaren Position und die entsprechende Kompetenz und ein Blick aufs große Ganze, also nicht nur auf den eigenen fachlichen Verantwortungsbereich, sondern tatsächlich im Blick als Teil des Verwaltungsvorstandes sich verantwortlich fühlen für die zeitgemäße Weiterentwicklung dieser Stadt. Und ich glaube, da sind wir, egal welcher politischen Couleur man angehört, auf einem gemeinsamen Weg.
Impulse aus London und Ziele für das zweite Amtsjahr
Jule Sönnichsen: Sie waren gerade in London bei einer, sagen wir, Bürgermeisterkonferenz, bei der sich Stadtoberhäupter aus der ganzen Welt getroffen haben, um über die Herausforderungen unserer Zeit zu beraten. Jetzt beruhigt einen das vielleicht auch mal, wenn man merkt, dass auch andere Kommunen zu kämpfen haben. Aber mich würde interessieren: Welche Inspiration, welcher Input einer Kollegin oder eines Kollegen hat Sie zuversichtlich gestimmt oder motiviert?
Noosha Aubel: Zuversichtlich haben mich ganz viele Geschichten gestimmt. Wir waren insgesamt 32 Kolleginnen und Kollegen aus 17 europäischen Ländern, also sehr unterschiedliche Vorzeichen, aber bei allen gab es ein hohes Bewusstsein dafür, dass wir das nur gemeinsam nach vorne entwickeln können. Also gemeinsam in dem Falle, gemeinsam mit Politik, aber auch mit Stadtgesellschaft. Und da gab es gute Beispiele und insbesondere die Beispiele, wo vorher Dinge sehr kontrovers diskutiert worden sind, sowas wie autoarme Innenstadt. Und die dann hinterher gelungen sind und wo jetzt ganz viele Menschen sagen, wir können uns das eigentlich gar nicht mehr anders vorstellen. Das sind Dinge, die mich auf jeden Fall motiviert haben, auch mal die schwierigen Wege weiterzugehen.
Jule Sönnichsen: Und eine letzte Frage. Wenn wir beide hier in einem Jahr wieder sitzen und das zweite Amtsjahr Revue passieren lassen, woran möchten Sie gerne gemessen werden? Was wollen Sie in jedem Fall umgesetzt haben?
Noosha Aubel: Ja, also es sind natürlich keine Projekte, die zusätzliche Mittel benötigen, aber ich möchte eine stabile Haushaltskonsolidierung erreicht haben. Ich möchte, dass ganz vielen Menschen in ihrem Kontakt mit der Verwaltung deutlich wird, dass wir Dienstleisterinnen sind, dass wir uns um die Bedarfe kümmern. Ich möchte, dass Menschen weiterhin merken, die Oberbürgermeisterin ist ansprechbar, kümmert sich um die entsprechenden Belange und dass wir – in dem Prozess starten wir gerade – gesamtstädtische Kernziele haben, die das Verwaltungshandeln und auch das politische Handeln tatsächlich abrechenbar machen.
Jule Sönnichsen: Herzlichen Dank für das Gespräch.
Noosha Aubel: Ich danke Ihnen.